Wenn Buben rosa Schaltücher und richtig coole Röcke tragen




Ich erinnere mich gut an das ratlose Gesicht meiner Freundin, die mir von der Kleiderphase ihres damals 5jährigen Sohnes erzählte. Im gemeinsamen Urlaub am Gardasee trug er bevorzugt ein grünes Trägerkleid, seine schulterlangen blonden Locken in ein Halstuch gewickelt. Stolz posierte er fürs Familienfoto am See. Kein Kommentar konnte ihn erschüttern, er trug sein Lieblingskleid im Urlaub genauso wie im Kindergarten. Nach einem halben Jahr war die Phase so rapide vorbei, wie sie gekommen war. Der Trigger dafür bleibt ein Rätsel. 

 

Kleider-, Hüte- und Accessoires-Phasen im Leben kleiner Jungs

Mein Sohn hatte keine Kleiderphase, sondern eher eine Accessoires-Phase. Er liebte Hüte, meine Halsketten, bunte Halstücher und alles Glitzernde. Über kleider- und accessoiresbegeisterten Jungs schwebt das Vorurteil, dass Mütter ihre Söhne dazu bringen, Sachen anzuziehen, die eigentlich ‚für Mädchen‘ sind. Tatsächlich habe ich das nie gemacht. Ich habe es aber auch nicht negativ kommentiert, wenn er sich sein Outfit bunt und funkelnd zusammengesucht hat.

 

Die nicht stereotyp-konformen Vorlieben von Buben im Kindergarten-, Vorschul- und Volksschulalter zu unterstützen, fällt mir nicht schwer. Wenn er im Alter von 4 Jahren am Esstisch aus dem Kindergarten-Nähkästchen plauderte und meinte, die Freunde dort hätten ihm gesagt, rosa und gelb seien Farben, die nur Mädchen und blau und grün Farben, die nur Jungs tragen sollten, habe ich meinem Sohn wiederholt erklärt, dass Kleidungsstücke, Farbvorlieben und Verhalten kein Geschlecht haben. Immer wieder zeigte ich ihm Fotos meiner heterosexuellen italienischen Freunde, die violette Hemden mit passenden Accessoires trugen. Ich sah an seinem Gesichtsausdruck, dass ihm das mutige Outfit gefiel. Trotzdem: Stereotypen Rollenzuweisungen und Klischees in unserer Gesellschaft zu entkommen, ist noch immer ein Riesenschritt.

 

Projekt Geschlechterrollentausch in den 80er Jahren - Buben in Röcken und Mädls im Kicker-Look - Foto HS Oberwart

Geschlechterspezifische Rollen sind out 

Während es dank emanzipatorischer Bemühungen in den letzten Jahren gelungen ist, die geschlechterspezifischen Vorgaben für Mädchen zu lockern, hat sich beim Bubenbild nicht viel getan. Wenn Buben weinen, heißt es: „Sei doch keine Heulsuse.“ Wenn sie jammern, hören sie: „Du bist ja ärger wie ein Mädchen.“  Diese Aussagen beeinflussen nicht nur ein negatives Bild, das Buben von Mädchen zusammenpuzzeln. Auch Jungs sind emotional, ängstlich, anschmiegsam und kreativ. Diese Bedürfnisse und Gefühle werden ihnen oft schlechtgeredet.

 

Was aus diesem Schlechtreden entsteht, erahnen Eltern und Betreuer nicht. Würde man Jungs den Raum geben, ihre Gefühle auszudrücken, sei es verbal oder non-verbal, im kreativen Prozess, dem Malen, Tanzen, Schauspielen oder im Sport, könnten daraus Eigenschaften entstehen, an denen es erwachsenen Männern oft mangelt.

 

Buben mit 'Mädchenspielzeug' spielen lassen

Viele Studien belegen, wie sehr das Spielen mit Puppen auch für Buben förderlich ist. Kinder profitieren von Rollenspielen, durch die sie emotionale Ausdrucksfähigkeit, Kommunikation, Mitgefühl und das Gefühl des sich Kümmerns ganz beiläufig trainieren.  

 

Wenn Jungen Defizite entwickeln und als Sorgenkinder abgestempelt werden, stehen die Mütter, Großmütter, Babysitterinnen und Lehrerinnen oft als Schuldige da. Denn es sind primär Frauen, die in der Bildungsposition sitzen. Daheim, im Kindergarten, in der Schule, oft auch beim Sport und in der Freizeit. Jungen würden aufgrund fehlender männlicher Bezugspersonen ‚verweiblichen‘ (gemeint ist verweichlichen), schreiben männliche 'Bildungsexperten'. 

Wer wagt es, darüber zu urteilen, dass Jungs Fans von Cinderella sind und pink und rot mögen? Foto: Canva.com

 Was brauchen unsere Buben?

Was können wir tun, damit es ihnen besser geht? Wie gehen wir damit um, wenn unsere Buben für lackierte Nägel gehänselt werden? Noch sind die meisten von uns Opfer gesellschaftlicher Vorurteile. Ich bin ganz froh, dass ich meinen Sohn nicht in Kleidchen, Hut und Handtäschchen an der Vorschultür verabschieden muss. Es würde mich kränken, wenn man ihn auslacht und beschimpft. Schon beim Anziehen einer Strumpfhose bei minus 10 Grad meint er traurig: „Aber der eine Junge lacht mich immer aus, wenn ich eine Strumpfhose anhabe.“ Ich habe mir einen Koffer an Unisex Argumentation für ihn zurecht gelegt; ich kann nur hoffen, dass sein Charakter stark genug ist, sie richtig einzusetzen und falls nicht, die Häme faustfrei auszuhalten.

 

Ich fördere die Geschlechtslosigkeit von Dingen und Farben, so gut ich kann. Ich kaufe ihm farbenfrohe Hosen, coole Hüte und zeige ihm Fotos von Unisex Mode und Accessoires. Ich kaufe ihm Züge, aber eher weil ich als Mädchen selber lieber mit Zügen als mit Puppen gespielt hätte. Er ist auch stolzer Besitzer einer großen Kasperl-, Pezi & Co - Handpuppensammlung, weil er Rollenspiele so mag. Wir basteln mit funkelnden Steinen, tanzen ausgelassen zu 80er Musik und Omi findet es toll, wenn er anbietet, ihre Haare zu flechten.

 

Bei LYMA rollt er mal mit einem Bewegungscoach herum, mal wird er neben 2 Mädels bald einen LEGO Roboter programmieren lernen. Seine Identität wird er im Teenageralter selber finden. Wir können unseren Kindern die vielen Wege und Möglichkeiten aufzeigen, die es zu wählen gibt, sie inspirieren, ihnen die Chance bieten, sich auszuprobieren. Den Weg gehen müssen sie allein. Ob als Junge, als Mädchen und in welcher sexuellen Einstellung oder Konstellation auch immer. Dann sind Rollenbilder (hoffentlich) bald Schnee von gestern.

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LYMA GmbH ist eine 100% Tochtergesellschaft der gemeinnützigen Willendorff Youth Foundation Privatstiftung. LYMA wurde initiiert von Kai-Christian Brockstedt und Maria Polynceva-Brockstedt. Das LYMA Studio im Herzen Mariahilfs ist ein Freiraum, um Ideen zu verwirklichen. Im Mittelpunkt steht die Potentialentfaltung und das Erleben eines gemeinsamen Weges, um Eigeninitiative, Selbstwertgefühl, Sozialkompetenz und kreative Ausdrucksfähigkeit weiterzuentwickeln. Die LYMA Kurs-Begleiter sind Unterstützer in einem persönlichen Entwicklungsprozess und sorgen behutsam für Struktur, neue Impulse und Denkanstöße. 

 

 

 

 

 

 

Foto Daniela Krautsack Hut