Gelassenheit ist trainierbar




Das Jahresende naht und somit auch die Zeit, 2019 Revue passieren zu lassen und an 2020 zu denken. Ich bin kein Fan von Vorsätzen. Was ich aber schon seit geraumer Zeit in fetten Buchstaben auf meine Magnetwand geheftet habe, scheint sich nun gedanklich zu festigen. „Sei gelassener“ steht da.

Als ich zum Thema Gelassenheit für diesen Blog recherchierte, fand ich die ‚10 Gebote der Gelassenheit‘, die von Papst Johannes XXIII. stammen sollen. Dazu passt auch folgende Anekdote: Als ein neuer Bischof zum Papst kam und darüber klagte, wie schwer ihn die Bürde des Amtes drücke, sagte dieser: „Auch ich konnte in den ersten Wochen meines Pontifikats keinen Schlaf finden. Aber dann sah ich einmal im Wachtraum meinen Schutzengel, der mir zuraunte: ,Giovanni, nimm dich nicht so wichtig.‘ Seither schlafe ich wieder gut.“ 

Wir sind nicht die Herrscher/Herrscherinnen von Situationen, deren Beeinflussung nicht in unserer Macht liegt. Wir können nur in kleinen Schritten versuchen, auf diese Situationen richtig zu reagieren. Gelassenheit im Familien- und Berufsleben hilft bei der Seelenpflege und dabei, weder im Alltagsstress noch durch jeglichen Druck von außen oder in sich drinnen unterzugehen. 

Diese 10 Gebote der Gelassenheit zeigen uns die Essenz von 'sich nicht so wichtig nehmen'. Wenn Sie diese Gebote lesen - während Klavierkompositionen von Max Richter im Hintergrund erklingen - werden Sie vielleicht ähnlich zuversichtlich auf diese Gebote reagieren.

  1. Heute werde ich mich bemühen, einfach den Tag zu erleben – ohne alle Probleme meines Lebens auf einmal lösen zu wollen.

  2. Heute werde ich größten Wert auf mein Auftreten legen und vornehm sein in meinem Verhalten: Ich werde niemanden kritisieren, korrigieren oder verbessern ... nur mich selbst.

  3. Heute werde ich in der Gewissheit glücklich sein, dass ich für das Glück geschaffen bin.

  4. Heute werde ich mich an die Umstände anpassen, ohne zu verlangen, dass die Umstände sich an meine Wünsche anpassen.

  5. Heute werde ich zehn Minuten meiner Zeit einer guten Lektüre widmen.

  6. Heute werde ich eine gute Tat vollbringen und ich werde es niemandem erzählen.

  7. Heute werde ich etwas tun, wozu ich keine Lust habe.

  8. Heute werde ich ein genaues Programm aufstellen. Ich werde mich vor zwei Übeln hüten: vor der Hetze und vor der Unentschlossenheit.

  9. Heute werde ich keine Angst haben und mich an allem freuen, was schön ist.

  10. Heute werde ich fest daran glauben, dass sich Gott in seiner Güte um mich kümmert.

 

Gelassenheits-Expertin Tina Baumgartner leitet am 18.04.2020 einen Workshop zum Thema Gelassenheit für Familien im Kreativitätszentrum LYMA. Wir haben sie zum Interview gebeten.

Tina, warum bedarf es dieser Gelassenheits-Workshops heutzutage? Wo liegt das Problem?

Wir befinden uns in einer sehr schnelllebigen Zeit, in der wir viel von uns als Eltern abverlangen; die Doppelbelastung durch Berufsausübung und Kindererziehung führt oft dazu, dass wir schnell an die Grenzen unserer Energiereserven kommen. Der tägliche Stress, den wir als Erwachsene dabei erleben, überträgt sich auch auf unsere Kinder und die gemeinsame Zeit.

Wir glauben stets, mehr leisten zu müssen und vergleichen uns dabei zu gerne mit anderen. Konflikte im Familienkontext wirken für uns oft wie persönliches Scheitern. In diesem Zeitgeist, in dem wir uns befinden, werden daher Qualitäten wie Gelassenheit, innere Ruhe und Fokus immer wichtiger. Es sind die Ressourcen, die uns helfen, uns im Alltag mehr an unseren Werten zu orientieren und vom Multitasking zurückzukehren zum Singletasking, um mit der Entschleunigung neue Freiheiten zu entdecken. 

Wie sollen die KursteilnehmerInnen profitieren, wenn sie deine Übungen zuhause anwenden?

In den letzten Jahren sind die wissenschaftlichen Studien rund um die Praxis der Achtsamkeit, dem bewussten Erleben des Momentes, wahrlich explodiert. Die Ergebnisse sind erfreulich: Durch regelmäßige Achtsamkeitsübungen, sei es beim Essen, Atmen oder Gehen, verkleinert sich in unserem Gehirn die Amygdala, unser Angstzentrum. Gleichzeitig verstärkt sich unsere Selbstwahrnehmung.

Wir werden dadurch stressresistenter, grübeln weniger, achten mehr auf unsere Bedürfnisse und entwickeln mehr Mitgefühl (um nur einige positive Effekte aufzuzählen). Das sind nicht nur für uns Erwachsene wesentliche Fähigkeiten für die erfolgreiche Bewältigung des Alltags, sondern ebenso wichtige Aspekte für Schulkinder, die immer mehr Leistungsdruck ausgesetzt sind. Schulen in England haben aus diesen Gründen das Unterrichtsfach "Achtsamkeit" bereits in ihren Stundenplan integriert. 

Wer ist die ideale Zielgruppe dafür? Wem hilft die Teilnahme besonders?

In meine Kurse kommen Menschen, die etwas in ihrem Leben ändern wollen, die mehr Qualität in ihre Beziehung zu sich selbst oder mit ihren Lieben bringen wollen, oder die einfach erschöpft sind. Auch bei Herausforderungen rund um starke Gefühle wie Wut kann Achtsamkeit neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Kinder wie auch Erwachsene lernen, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu halten und mit Mitgefühl darauf zu antworten, anstatt sie blind auszuagieren. Dadurch steigt die Kompetenz der sogenannten Impulskontrolle. 

 

Warum ist das aktive ‚sich auseinander setzen‘ mit dem Thema Gelassenheit so wichtig?

Ich erinnere mich, dass mein Sohn früher sehr oft wütend wurde. Es war schwierig für mich, da es mich selbst hilflos machte und ich dadurch oft auch wütend wurde. Als Kind hatte ich keinen geeigneten Umgang mit Wut gelernt, und so war meine Antwort auf die Wut meines Sohnes nicht besonders wirksam. Als ich begann mich mit Achtsamkeit auseinanderzusetzen, veränderte sich auch nach und nach mein Zugang zu seiner Wut. Ohne zu reagieren, erlaubte ich mir im ersten Schritt all meine inneren Gefühle und Gedanken, und meine Impulse, die auftauchten. Ich war erstaunt über die Gewalt dieser inneren Reaktionen.

Ich tat nichts und beobachtete einfach weiterhin, was in mir vorging, bis die innere Aufruhr zu meinem Erstaunen verschwand. Dann sah ich meinen Sohn zum ersten Mal ganz klar: Er lag auf dem Wohnzimmerteppich und tobte. Er schien zu leiden. Ich setzte mich neben ihn, wartete und fragte ihn dann ruhig, ob er auf meinen Schoß kommen wollte. Auf einmal platzten Tränen aus seinen Augen, seine Wut wich einer Traurigkeit und er umarmte mich herzlich. Wir beide erlebten in diesem Moment eine Begegnung, wie sie vorher nicht möglich gewesen war. Es war ein Moment der Verbindung. 

Du bietest andere spannende Workshops an. Was machst Du mit KursteilnehmerInnen im Workshop zum Thema Tafelkunde? Wer sollte teilnehmen?

Dieser Workshop ist eine Einladung für alle Familien, die mehr Neugierde, Begegnung und Freude in das tägliche Ritual des gemeinsamen Essens bringen wollen. Wir wollen gemeinsame Mahlzeiten neu betrachten und zur Quelle von Achtsamkeit und Gelassenheit werden lassen.

 

 

LYMA GmbH ist eine 100% Tochtergesellschaft der gemeinnützigen Willendorff Youth Foundation Privatstiftung. LYMA wurde initiiert von Kai-Christian Brockstedt und Maria Polynceva-Brockstedt. Das LYMA Studio im Herzen Mariahilfs ist ein Freiraum, um Ideen zu verwirklichen. Im Mittelpunkt steht die Potentialentfaltung und das Erleben eines gemeinsamen Weges, um Eigeninitiative, Selbstwertgefühl, Sozialkompetenz und kreative Ausdrucksfähigkeit weiterzuentwickeln. Die LYMA Kurs-Begleiter sind Unterstützer in einem persönlichen Entwicklungsprozess und sorgen behutsam für Struktur, neue Impulse und Denkanstöße. 

Tina Baumgartner

Tina Baumgartner