Generation Rücksichtlos braucht Empathieunterricht




Gemeinschaftssinn ist einer der tragenden Pfeiler unserer Gesellschaft. Zu seinen Grundlagen gehören Kompetenzen wie Empathie, Solidarität, Respekt, Hilfsbereitschaft und soziale Integration. Empathie, also Mitgefühl für andere zu haben, sich in ihre Lage versetzen zu können, ist eine Grundbedingung, damit das gemeinschaftliche Zusammenleben gelingen kann. Diese Grundlagen werden größtenteils in der Kindheit und der frühen Jugend erfahren und erlernt. Doch wie steht es um den Gemeinschaftssinn der heute heranwachsenden Generation?

Berichte über Mobbing-Vorkommnisse überraschen nicht mehr, trotzdem ist es bestürzend, von der Grausamkeit junger Menschen zu lesen. Polizist und Gewaltpädagoge Alexander Geyrhofer schrieb 2018 in seinem Buch, dass Österreich laut OECD als Mobbing-Land Nummer 1 in Europa gilt. Überraschend - oder nicht?

 

Ausgrenzen ist ‚normal‘

Für die Gesellschaft können Mobbing, fehlendes Mitgefühl und Gleichgültigkeit fatale Folgen haben. Andere auszugrenzen, das ist für viele Kinder ‚normal‘, zeigt eine Studie, die 2019 von der Bepanthen-Kinderförderung und der Universität Bielefeld in Deutschland durchgeführt wurde.

 

Kinder kommen schon früh mit Ausgrenzung in Kontakt. Foto: Canva.com

Die Daten deuten darauf hin, dass es sich nicht um ein Randgruppenphänomen handelt und auf den gesamtdeutschsprachigen Kulturkreis umzulegen ist. Jedes fünfte Kind zwischen sechs und elf Jahren zeigt bedenkliche soziale Defizite beim Umgang mit anderen Menschen.

 

Mädchen sind empathischer

Die Mädchen haben in der Studie deutlich besser abgeschnitten, berichtete Studienleiter Professor Holger Ziegler bei der Vorstellung der Untersuchungsergebnisse in Berlin. Während die männlichen Jugendlichen zu 44 Prozent auf Werte wie Gemeinschaftssinn pfeifen, tun das nur 21 Prozent der Mädchen.

Anderen Kindern oder Jugendlichen zu helfen oder etwas mit ihnen zu teilen, ist nicht mehr selbstverständlich. 36 Prozent der Jugendlichen lehnten es zum Beispiel ab, etwas zu teilen. Experten schließen das aus der Tatsache steigender Einzelkindfamilien. „Selbst schuld“ lautete eine Standardantwort von 70 Prozent der Befragten, wenn sie mit Problemen anderer konfrontiert wurden. „Wenn ein anderes Kind Probleme hat und ich nicht schuld bin, ist mir das egal“, hieß es zum Beispiel.

'Mobbingartige Ausprägungen von Verhalten' treten schon im frühen Kindesalter auf. Ein Viertel der Befragten gab an, mit mobbingähnlichen Situationen Erfahrungen zu haben.

 

Das Ego im Mittelpunkt

Ein nennenswerter Teil der Kinder und Jugendlichen zeigt egoistische Verhaltensweisen. Bei den Jugendlichen ist das Bild noch deutlicher: Über die Hälfte (54 Prozent) der befragten Jugendlichen reagieren auf Aussagen wie: „Es macht mich traurig, ein Mädchen zu sehen, das niemanden zum Spielen findet“ oder „Es macht mich traurig, wenn ich ein verletztes Tier sehe“ unterdurchschnittlich empathisch. Zwei von drei Mädchen, aber nur einer von vier Jungen zeigen bei der Vorlage dieser Beispielsätze starkes Mitgefühl. Über alle Altersklassen von 6 bis 16 Jahren zeigen sich bei den Mädchen steigende, bei den Jungen sinkende Empathiewerte.

 

Hilfestellung weicht der „Selber schuld“ - Einstellung

Geht es um die Frage, wie hilfsbereit oder gleichgültig gegenüber den Problemen anderer agiert wird, zeigt sich ein bedenkliches Bild. Fast drei Viertel aller befragten Kinder sind zumindest teilweise gleichgültig gegenüber Leidtragenden und haben für deren Problemlagen lediglich ein „selber schuld“ übrig.

Jedes fünfte Kind ist sogar stark überzeugt von dieser Haltung. Aussagen wie: „Wenn ein anderes Kind Probleme in der Schule hat, ist es meistens selber schuld“ oder: „Wenn andere Kinder traurig sind, ist mir das egal“ finden bei mehr als einem Viertel der Jungen starke Zustimmung. 16 Prozent der Mädchen sehen das auch so.

 

Abwertung im Trend?

Die Abwertung von Randgruppen und Schwächeren ist ein Problem, das sich in seinen Grundzügen ebenfalls schon im Kindesalter zeigt. Hier nimmt sie meist eher mobbingartige Ausprägungen an. Insgesamt haben mehr als ein Viertel der Kinder schon Erfahrungen mit mobbingähnlichen Situationen gemacht. Jedes vierte Kind hat schon Mobbing aus der Opferperspektive erlebt. Hier hätte es keinen signifikanten Unterschied zwischen Mädchen und Jungen gegeben, sagt der Studienleiter.

Bei aller sozialen Kompetenz sind Mädchen eher unzufrieden mit sich und ihrem Leben als Jungen. Im Jugendalter liegen sie sowohl in der Beurteilung der eigenen Lebenszufriedenheit als auch des Selbstwertgefühls deutlich hinter den Jungen zurück.

 

Das familiäre Umfeld

Empathie und solidarisches Verhalten der Befragten entwickeln sich unabhängig vom sozioökonomischen Status der Familie. Aber betrachtet man die negativen Aspekte, neigt die Hälfte der Jugendlichen aus niedrigen sozioökonomischen Haushalten deutlich stärker dazu, Randgruppen und Minderheiten abzuwerten, als ihre Altersgenossen aus besser gestellten Haushalten. Die Zahlen entsprechen übrigens dem Wählerverhalten und Einstellungen des Elternhauses.

 

Kinder wollen Vorbilder

Kinder suchen Menschen, an denen sie sich orientieren können. Im Volksschulalter sind das die eigenen Geschwister oder Eltern, oder auch andere Erwachsene, die die Kinder irgendwie beeindruckend finden. So lernt der Nachwuchs, was man in bestimmten Situationen sagt, wie man sich verhält und wie man auf bestimmte Erlebnisse reagiert.

 

Motivation und Ansporn durch Vorbilder

Kinder werden durch ihre Vorbilder auch in ihrem Selbstbewusstsein und dem Vertrauen in sich selbst gestärkt. Denn oftmals haben Idole die gleichen Stärken wie das Kind selbst (z.B. singen, musizieren, tanzen, handwerken). Womöglich suchen Kinder ihre Vorbilder auch nach ihren eigenen Stärken aus.

 

Kinder brauchen Vorbilder, die Werte vermitteln - Foto: Canva.com

Oft ist es so, dass uns Vorbilder zeigen, wie und was alles möglich sein kann: für die eigene Sache einstehen, konsequent sein, bereit sein, sich anzustrengen und ein Ziel zu verfolgen. Dies kann durchaus bedeuten, dass ein Kind sich seines Vorbildes wegen mehr anstrengt – vielleicht auch, um so zu werden. Wenn die Vorbilder im Elternhaus oder der Schule fehlen, suchen Jugendliche ihre Vorbilder auf Social Media, in Videospielen oder in Peer-Gruppen. Sie schwimmen orientierungslos durch mittlere Schulen, hin in eine oft unsichere Zukunft.

 

Faserverbindung als Voraussetzung für Empathie

Oft werden Kinder und Jugendliche, die sich nicht so verhalten, wie es die Gesellschaft gerne hätte, verbal und gesellschaftlich ausgegrenzt. Die Eltern werden gleich dazu verurteilt, ohne die Hintergründe zu kennen. In Fachjournalen erfährt man von Ärzten, dass Kinder erst im Alter von drei bis vier Jahren eine Vorstellung von den Gedanken und Gefühlen anderer entwickeln. Entscheidend für den Entwicklungsschritt hin zum Erkennen der Gedanken anderer scheint unter anderem die Bildung einer speziellen Faserverbindung im Gehirn zu sein, wie Charlotte Grosse-Wiesmann vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und ihre Kollegen im Jahr 2017 herausgefunden haben.

Dieser Bogenstrang (Fasciculus arcuatus) ist Teil einer Art Datenautobahn, die zwei wesentliche Hirnareale miteinander verbindet: eine Region im hinteren Schläfenlappen, die uns hilft, über andere Menschen und deren Gedanken nachzudenken, und einen Bereich im Frontallappen im vorderen Großhirn, durch den wir Dinge auf verschiedenen Abstraktionsebenen halten und somit zwischen den Gedanken anderer und der wirklichen Welt differenzieren können. Wenn diese Faserverbindung nicht optimal funktioniert, ist es für Kinder und Jugendliche nicht nachvollziehbar, warum ihr Gefühl für Empathie nicht ähnlich ausgeprägt ist, wie bei ihren Altersgenossen. Es kann einen traumatischen Leidensdruck verursachen, wenn die Gesellschaft diese Kinder und Jugendlichen verurteilt.

 

Empathieklassen in der Schule helfen

Dänemark wird regelmäßig als eine glücklichsten Nationen der Welt genannt. Die Erklärung dahinter ist die Art und Weise, wie das Bildungssystem versucht, Schulkindern ausdrücklich Empathie zu vermitteln. 

  • Empfehlenswert: Das Buch The Danish Way of Parenting von Iben Sandahl, einem dänischen Psychotherapeuten, Pädagogen, und Jessica Alexander, einer amerikanischen Autorin und Psychologin, erklärt den wahren Grund und das Geheimnis hinter dem Glück der Dänen.

Seit 1993 wird Schülern im Alter von sechs bis 16 Jahren Empathieunterricht erteilt. Die Bildungsverantwortlichen in Dänemark sind überzeugt davon, dass Empathielektionen helfen, die Beziehungen der Kinder zu stärken, erfolgreich zu arbeiten und Mobbing zu verhindern.

Die Schüler sprechen während dieser Stunde über ihre Probleme, persönliche oder schulbezogene Probleme. Anschließend besprechen Lehrer und Klasse das Problem, um eine Lösung zu finden. Ein entscheidender Teil des Programms ist, dass Moderatoren und Kinder die Emotionen, die sie sehen, nicht beurteilen. Sie erkennen und respektieren diese Gefühle einfach. Die Klasse versucht dann gemeinsam, alle Aspekte und Blickwinkel zu respektieren und gemeinsam eine Lösung zu finden. Auf diese Weise wird das Problem des Kindes als Teil einer größeren Gemeinschaft anerkannt und ‚gehört‘.

 

Teamwork als Empathietraining Foto: Unsplash.com

Kinder lernen auch, wie wichtig gegenseitiger Respekt ist und dass sie keine Angst haben müssen, sich zu äußern, weil sie sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen und nicht allein sind. Wenn es keine Probleme zu diskutieren gibt, nutzen Kinder die Zeit, um sich zu entspannen. 

Die Empathieausbildung regt 3- bis 8-Jährige dazu an, über Mobbing zu sprechen und zu lernen, sich gegenseitig zu achten. Das Programm hat positive Auswirkungen und über 98 Prozent der Lehrer sagen, sie würden es anderen Institutionen und Ländern empfehlen.

 

Wie die Dänen Empathie lehren

Grundsätzlich wurden zwei Wege analysiert, wie die Dänen Empathie lehren. Der erste Weg ist das Unterrichten von Teamarbeit. 60% der Aufgaben, die in der Schule erledigt werden, konzentrieren sich darauf, die Fähigkeiten und Talente von Schülern zu verbessern, die nicht gleichermaßen begabt sind, anstatt ihre Wettbewerbsfähigkeiten zu fördern.

Der zweite Weg ist, dass es keine Preise oder Trophäen gibt. Die Lehrer motivieren die Schüler lediglich dazu, sich selber zu verbessern, gemessen ausschließlich an sich selbst.

 

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Canva Side profile of a young boy 8 10 holding the straps of his overalls