Graffiti wird anspruchsvoller




Graffiti ist eine Erscheinung aus Zeichen, Medien und Codes.
(J. Baudrillard, französischer Soziologe)

Graffiti als Aufstand der Zeichen

Die modernen Graffiti entstanden mit den Anfängen des HipHop im New York der 70er Jahre. Die jugendlichen Graffitimaler repräsentierten anno dazumal eine große Gemeinschaft, deren bemalte Züge in die Stadtteile der reichen weißen Bevölkerung fuhren. Die Graffitis waren damals – und sind teilweise noch heute -  als eine Auflehnung gegen bürgerliche Identität und Anonymität zu sehen. Sie setzten dem ‚Monopol der Zeichen‘ ihre Zeichen entgegen.

Graffiti ist der Plural des aus dem italienischen stammenden Worts graffito. Es leitet sich etymologisch aus dem Griechischen von γράφειν (graphein) ab, was schreiben und zeichnen bedeutet.

Die erste bekannt gewordene Aktivität in Wien, die in die Richtung des Graffitis geht, ist eine Aktion von Josef Kyselak. Im Biedermeier-Wien des 19.Jahrhunderts wurde er durch das Schreiben seines Namens im öffentlichen Raum weltweit bekannt.

Graffiti hat seinen Ursprung in der US-amerikanischen Jugendbewegung der 60er Jahre, die sich als eines der vier Elementen von HipHop (Rap, Breakdance, Graffiti und Deejaying) versteht.

Der erste bekannte Writer war Taki 183 in New York. Er begann 1969 damit, seinen Spitznamen und die Zahl seiner Straße mit wasserfestem Marker in allen fünf New Yorker Bezirke zu schreiben. Das ständige Erscheinen des Namens Taki 183 an Hauswänden, der U-Bahn Stationen, in und an Zügen bewirkte Aufmerksamkeit und viele Jugendliche, darunter Joe 136, sowie Barbara und Eva 62, folgten seinem Beispiel.

 

Copyright The New York Times

Die Jugendlichen bemerkten, dass man durch das fleißige Verbreiten seines Namens in der ganzen Stadt Ansehen und Bekanntheit erlangen konnte. Der 1971 in der New York Times veröffentlichte Bericht über Taki 183 und seine Nachahmer löste eine regelrechte Tag-Welle aus.

Zur Motivation des Sprayens

2003 wurde eine motivationspsychologische Untersuchung im Fachjournal „Der Report Psychologie“ veröffentlicht. F. Rheinberg und Y. Manig untersuchten am Institut für Psychologie der Universität Potsdam die Antworten von 300 Sprayern zur Motivation des Sprayens. 90,5% der Befragten waren übrigens männlich und zwischen 13-34 Jahre alt.

Welche Anreize bietet Graffiti?

Als Anreize für Graffiti wurden Spaß, kontinuierliches Üben, Glücksgefühl, Stolz über die eigene Leistung, Beherrschung der Technik und des Styles genannt. Expertise und Kompetenzerweiterung wurden als wichtige Werte genannt. Des weiteren findet sich in den Ergebnissen eine soziale und basale Kompetenznorm, das heißt ‚einmal besser zu werden als die anderen‘ und ‚besser zu werden als zuvor‘. Die Graffiti Szene enthält viele Elemente, die auch in der Leistungsgesellschaft vorkommen, nämlich Leistung und Ehrgeiz.

Spot the Trend

Eine Stadt kann in Bezug auf die äußere Qualität der Gebäude, Straßen und manchmal auch anhand seiner Graffiti-Zeichen und Tags an Wänden, Baustellen und öffentlichen Verkehrsmitteln von anderen Städten unterschieden werden.

Die Rolle von Graffiti hat sich in den letzten fünfzehn Jahren geändert. Kulturfachleute begannen, die Bedeutung von Jugend-Banden und Jugendlichen generell auf der Straße aus den verschiedenen Tags herauszulesen. Heutzutage beginnen wir die Graffiti Tags als höhere Form der Signalisierung und Kommunikation zu verstehen und zu schätzen, sagen die Trendforscher-Kollegen van der Kruit und Circus, die den Parfumkonzern Firmenich mit Trendprognosen beraten. 

Steven van der Kruit, der Firmen und Privatpersonen zu Graffiti-Trendwanderungen einlädt, erklärt: „Es fühlt sich wie eine Jagd an, als Kulturanthropologe tätig zu sein. Als Teilnehmer gehen Sie in ein strukturiertes Chaos im öffentlichen Raum. „Trendforscher sind der BBC of the underground“, sagt van der Kruit. „Bei Trendwanderungen begeben wir uns an den Rand der zivilisierten Gesellschaft in die Graffiti-Gegenden einer Stadt, um neue Goldadern zu finden.“

Auch die Werbung fand im Graffiti – Tagging in den letzten Jahrzehnten Inspiration. In der Berliner Innenstadt wurden 2006 weiße Plakate aufgehängt, um in den darauffolgenden Wochen von Graffiti Sprayern und Writern gestaltet zu werden. Danach klebte das Adidas Team neue Plakate darüber, die ‚bemalbare‘ Schuhe der Adicolor-Reihe von adidas bewarben. An ausgestanzten Stellen des überklebten Plakats konnte man das farbenfrohe Graffiti sehen. Diese Aktion wertete Graffiti als Kunstform extrem auf.   

Adidas Adicolor Graffiti Kampagne - Copyright Adidas

 Graffiti ist Teil der Stadt

Der Donaukanal ist für die Wiener Sprayer-Szene etwas Besonderes. Früher war der Donaukanal grau. Dann erkannte die Stadt, dass es Flächen braucht, auf denen Sprayer auch legal malen können.

Wer als guter Sprayer gilt, schafft es schon mal, zu internationalen Graffiti ‚Battle Jams‘ ins Ausland eingeladen zu werden. Dort kann man von Graffiti-Sprayern aus aller Welt lernen und sehen, welchen Zugang Sprayer aus anderen Kulturen zu Graffiti haben. In Teams zwischen 2 und 10 Personen wird dann um die Wetter gesprüht.  

 Stefan Wogrin von Spraycity leitet den Graffiti-Kurs bei LYMA. Wir haben ihn für Euch interviewt:

Welche Spraytechnik(en) lernen Deine TeilnehmerInnen?

Die TeilnehmerInnen bekommen einen Einblick in die vielfältigen Graffiti Typographien. Das klassische Graffiti Stylewriting steht im Mittelpunkt des Kurses. In der letzten Einheit setzen wir das Gelernte in die Praxis um und die TeilnehmerInnen gestalten mit Sprühdosen ihre eigenen Styles an einer Wand am Donaukanal. 

Wie legst Du Deinen Kurs an?

Mir ist es wichtig, historische Fakten zu vermitteln. Das Graffiti Writing, wie wir es heute kennen, hat sich über die Jahre immer weiter entwickelt. Wir werden auch im Rahmen des Kurses mal durch die Straßen gehen und die Originale an den Wiener Wänden entdecken. Die TeilnehmerInnen lernen so auch die unterschiedlichen Erscheinungsformen kennen. 

Welche Street Artists dienen Dir zur Inspiration?

In meinem Kurs werden wir immer wieder die Werke der Wiener Writer betrachten. Die Wiener Szene ist in den letzten Jahren enorm gewachsen und hat auch viele talentierte Künstler hervorgebracht, deren Werke wir zum Teil auch im öffentlichen Raum betrachten und analysieren werden.

Was ermöglicht Graffiti Menschen, die eine Leidenschaft für diesen Weg des künstlerischen Ausdrucks entwickeln?

Der Kurs soll insbesondere eine Art Einstiegshilfe für alle sein, die an Graffiti-Kunst interessiert sind. Vor allem soll aber auch vermittelt werden, dass die Graffiti Kunst von jedem ausgeübt werden kann.

In Wien gibt es derzeit rund 150 Graffiti Sprayer, die regelmäßig sprühen. Jetzt anmelden unter:

--> https://www.lyma.at/kinder/kunst-kurse-wien/graffiti-und-street-art/