Impulskontrolle spielerisch trainieren




Selbstkontrolle ist ein Lernprozess

Eltern möchten, dass ihr Kind höflich ist, niemanden verletzt, keine Zerstörungswut zeigt und sich nicht in Gefahr begibt. Das sind ganz schön hohe Anforderungen. Dabei entdecken die Kleinen erst ihren eigenen Willen. Sie müssen erst lernen, ihre Emotionen auszudrücken. Sie sind neugierig und wollen sich austoben. 

Kinder erleben die Welt zu aller erst mit den Sinnen und müssen lernen, sich in den vielen Eindrücken zurechtzufinden und sie einzuordnen. Das geschieht intuitiv. Impulskontrolle und Selbstbeherrschung erfordern innere Stabilität und Willensstärke. Emotionen müssen differenziert erkannt werden, um sie gezielt zum Ausdruck zu bringen.

Erwachsene sind oft ungeduldig und geben ihren Kindern nicht die nötige Zeit, dies zu trainieren. Auch der soziale Druck auf Kinder und Eltern hilft nicht. Zuhause sollen die Kleinsten schon still sein, in den dünnwandigen Wohnungen nicht lachend (oder schreiend) toben und im Kindergarten, in der Vorschule und am Spielplatz soll es auch ruhig und gesittet zugehen. Aber hineinfressen sollen die Kinder ihre Emotionen bitte schön auch nicht. 

Wenn die Impulskontrolle nicht funktioniert, nimmt die Emotion überhand

Geben wir den Kindern Zeit

Für eine gesunde Entwicklung - vor allem in immer dichter besiedelten Stadträumen - ist es wichtig, Kindern Zeit und Raum zu geben, ihre Gefühlsintensität, Bewegungsintensität und Kontaktintensität zu entwickeln. 

Ebenso wie sich Motorik, Wahrnehmung, Ausdrucksfähigkeit, Koordination und Konzentrationsfähigkeit entwickeln, stärkt sich im Laufe der Zeit die Fähigkeit des Kindes, Situationen einzuschätzen und die eigenen Reaktionen unterschiedlichen Eindrücken und Emotionen zuzuordnen.

Erst dann ist es überhaupt in der Lage, sich in Selbstkontrolle zu üben. In der Regel setzt dieser Prozess etwa im zweiten oder dritten Lebensjahr ein. Bei Kindern, die Traumata erleben oder durch andere Erlebnisse geprägt sind, dauert das bis ins Volksschulalter und manchmal darüber hinaus an.

Es gibt unterschiedliche Charaktere

Kontrolle über sich selbst fällt dem einen Kind leichter, dem anderen schwerer. Das ist völlig normal und eigentlich logisch. Schließlich sind Kinder eigenständige Charaktere und unterscheiden sich im Temperament. Bei besonders impulsiven Kindern ist Ihre Geduld gefragt, andere können sich einfach besser beherrschen.

Bei einem sehr introvertierten Kind kann gar der umgekehrte Prozess stattfinden - es muss seine emotionalen Reaktionen nicht beherrschen lernen, sondern sich die Fähigkeit aneignen, diese überhaupt auszudrücken. Beide Enden des Spektrums müssen unterstützt werden, um sich im manchmal harschen Alltag zurechtzufinden. 

Manche Kinder ziehen sich zurück, andere gehen in die Offensive

Wie kann man KINDER OPTIMAL UNTERSTÜTZEN?

Achten Sie darauf, dass sich Ihr Kind körperlich und geistig ausleben kann. Unbeschwert draußen Toben baut Energie ab, es stauen sich dann weniger Emotionen an. Kreative Beschäftigungen sind eine ideale Möglichkeit, Empfindungen auszudrücken.

Christoph Schwarz begleitet den Kurs Spiel des Lebens bei Lyma. Er nutzt vielfältige Methoden aus der Kunst, Musik und körperorientierten Begleitung als Wegbereiter für die Entwicklung von Kindern in teilweise herausfordernden Kontexten. Wir haben Christoph interviewt:

WIE HILFST DU KINDERN MIT DEINEM KURS?

Die Kinder kommen mit ihren normalen Entwicklungsaufgaben in meine Kurse. Sie haben aber auch mit vielfältigen Alltagsproblemen zu kämpfen. Bestehen im Alltag erschwerende Bedingungen, wie Druck oder Stress, zeigt sich das oftmals in innerer Unruhe und Unsicherheit. Die Kinder verstecken sich oder versuchen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, um Kontrolle zu bewahren.

Gelingt es den Kindern, einander innerhalb der Gruppe Sicherheit (körperlich, emotional, gute Balance zwischen Aktivierung und Beruhigung) zu bieten, wächst das Selbstvertrauen und das Vertrauen in die Gruppe mit der Zeit. Dann entwickeln sich im gemeinsamen Tun und Gestalten viele größere und kleinere Herausforderungen, an denen die Kinder auf vielen Ebenen (sensomotorisch, sozial, kognitiv und emotional) wachsen können.

WAS ÜBST DU MIT DEN KINDERN?

Wir üben Konzentration, Aufmerksamkeit, Auffassungsgabe, sich ausdrücken und Regeln sowie Rituale einhalten und gestalten. Die Kinder lernen sich zu zeigen und sich unterzuordnen. Dabei ist es mir wichtig, dass die Kinder trainieren, aus Frustrationsmomenten sowie aus Rückzug oder Aggression eigenständig herauskommen. Sie lernen auch Nähe und Distanz zu regulieren, eigene Grenzen wahrzunehmen, sich auf andere einzulassen, Nähe zulassen zu können, Distanz zu regulieren und Ja! und Nein! zu sagen.

KÖNNTEST DU BITTE 2-3 DEINER KURS-WERKZEUGE NENNEN?

Wird auf das Bedürfnis nach Geborgenheit und Stabilität Rücksicht genommen, entstehen Neugier und Wille zu gestalten und sich durchsetzen.  Die Übungen motivieren dazu, eine Handlungsfähigkeit zu entwickeln, die alleine oder im Team funktioniert.  

WERKZEUG 1

Die Stundenstruktur besteht aus teils vorgegebenen, teils gemeinsam entwickelten Ritualen (z.B. Beginn, Ende, Material herräumen, Wegräumen, Reihenfolgen, Wechsel, Abschlussrunde).

Ein Beispiel dafür ist die Begrüßungsrunde: Alle setzen sich im Knie-Sitz in den Kreis. Alle machen gleichzeitig eine Verneigung und sagen den Begrüßungsspruch („Ich bin da, du bist da, wir achten, dass es uns gut geht“). Dann folgt eine Blitzlichtrunde, in der alle erzählen, wie sie da sind und was sie jetzt machen wollen.

Dabei üben wir die Konzentration zu bündeln, bei uns zu sein, gemeinsam zu starten, Aufträge und Wünsche zu klären, die eigene Befindlichkeit abzuchecken und die anderen wahrzunehmen, allen den Raum zu geben und sich einzubringen. Je besser die Gruppe sich kennt, desto weniger Zeit nimmt dieses Abstimmungsritual meist in Anspruch.

WERKZEUG 2

König*Innen-Spiel.
Die Grundidee lässt sich je nach Situation mit dem Körper oder auch mit der Stimme oder einem Instrument umsetzen.

Ein Kind ist der König oder die Königin. Die Diener müssen folgen. Der König/die Königin zeigt frei oder nach Thema eine bestimmte Bewegung, eine Übung auf der Matte, einen Sprung, eine Rolle, eine Bewegungsidee mit dem Peziball, etc. vor und die anderen probieren das auch. Dann erfolgt ein Wechsel.
Geübt wird dabei: Eigen- und Fremdwahrnehmung, Koordination, Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit, sich trauen vorzuzeigen, sich auf etwas einlassen, Raum nehmen und geben, Kontaktmöglichkeiten in einem bestimmten Rahmen selbstorganisiert gestalten, viele Möglichkeiten ausprobieren.

Die Werkzeuge innerhalb des Körper- und Bewegungstrainings an die aktuellen Bedürfnisse der Kinder und die jeweilige Situation anzupassen bedarf viel Gelassenheit, Klarheit, Feingefühl, Wachsamkeit und Warmherzigkeit des Trainers und der Gruppe.

VERÄNDERUNGEN

Die soziale Interaktion wird, wenn sich die Kinder darauf einlassen, konstruktiver. Sie entwickeln die Geduld, die Ruhe und die Fähigkeit, dem anderen zuzuhören und zuzuschauen. Sie geben dem anderen Raum und definieren ihre eigenen Grenzen. Sie lernen die Meinung anderer zu akzeptieren und Dinge besser zu verhandeln. Über die Jahre zeigte sich, dass es den meisten gelingt, Strukturen einzuhalten (z.B. Begrüßung, Abschluss und die Reihenfolgen).

Der Schwerpunkt verlagert sich dabei auf das Spiel. Die Selbstregulation verbessert sich im Laufe der Zeit und die sozialen Konflikte nehmen ab. Das Verhandeln mit anderen wird konstruktiver. Es gelingt nicht allen Kindern, aber wir haben viele erlebt, die ihre Muster verändern. Ihre Verhaltens- und Verhandlungsweisen werden zugänglicher, kooperativer und selbstbewusster.

Viel Bewegung und die Möglichkeit, herumzutoben stärkt die Fähigkeit, sich zu spüren

Mit den unterschiedlichen Ansatzpunkten aus den Sparten Bewegung, Tanz, Kampfkunst und Musik helfe ich den Kindern bei der Selbstregulation (d.h. sich selber zu beruhigen und Spannungen auszuhalten), bei der Selbst- und Fremdwahrnehmung, und beim Gestalten allein oder im Team miteinander. 

Unser Kursraum wird zum Spielplatz, einem geschützten Rahmen, in dem sich die Kinder mit verschiedenen Typen von Menschen und Medien ausprobieren können.

WAS MOTIVIERT DICH PERSÖNLICH, DIESEN KURS ZU LEITEN? 

"Mich begeistert, dass kleine Veränderungen im Training oft große Veränderungen im Alltag der Kinder bewirken." sagt Lyma Trainer Christoph Schwarz.

Ich finde es spannend, meine Erfahrung in der Musik- und Familientherapie sowie in der Beratung rund um Kurse, wie „Kraft der vier Tiere“ (Affektkontrolltraining, Qi Gong Dancing) anzuwenden und die Inhalte sogar mit den Kindern weiterzuentwickeln.

Kindern Raum zum ‚da-sein‘ geben und ‚so-sein‘ lassen, wie sie gerade sind, das macht meine Arbeit aus.

Kinder lernen von selber sich so gut wie möglich zu regulieren – unter ausreichend sicheren Bedingungen (außen und innen) erfinden sie die erstaunlichsten Möglichkeiten, da kann ich als Begleiter immer selber viel abschauen.