Mit Scheitern spielerisch umgehen




Grenzen überwinden heißt über sich hinauswachsen und vermeintlich Unmögliches möglich machen. Die Frage, ob wir solch eine Herausforderung stets meistern könnten, treibt uns Menschen immer schon an.

 

Heute müssen wir uns nicht mehr jeden Tag - wie unsere Vorfahren -  Sorgen um unser Überleben machen. Die Möglichkeiten der Zukunft faszinieren uns. Wir finden es spannend, etwas auszuprobieren, das uns zu Beginn sinnlos erscheint. Jedes Mal, wenn wir einen Durchbruch schaffen und neue Möglichkeiten finden, sind wir begeistert und fühlen, dass sich unsere Anstrengungen lohnen. Natürlich gelingt uns nicht immer alles, aber selbst wenn wir scheitern, geben wir anderen eine Vorlage für ihre eigenen Erforschungen.

 

Jenseits unserer Komfortzone lauert naturgemäß die Gefahr zu scheitern. Wie fühlen wir uns, wenn wir einen Fehler machen? Oft verlieren wir unsere Fassung und fühlen uns als Versager. Aber dort, genau an der Grenze zwischen Sicherheit und dümmster Dummheit, befindet sich auch der Erfahrungsraum, der uns lebendig fühlen lässt.

 

Die Kunst des Scheiterns

Immer wieder vermasseln wir etwas, manchmal sogar die großen Projekte des Lebens. Ist das schlimm? Ja!, kreischen die meisten. Nein!, sagen andere. Wir müssen nur richtig mit Niederlagen umgehen.

 

Der Druck, Fehler zu vermeiden

Die Angst vor dem Versagen hält viele Menschen davon ab, Träume zu verwirklichen: Ein eigenes Unternehmen gründen, ein Buch schreiben, um die Welt reisen. Aber was, wenn unser Vorhaben nicht klappt? Was, wenn wir sogar Hemmungen haben, unsere Vorhaben zu starten? Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der Menschen an ihren Erfolgen gemessen und für ihre Niederlagen mit Naserümpfen betrachtet werden. Fuckup Nights hin oder her.

 

Aus Fehlern wird man klug, heißt es. Doch in Wahrheit schätzt niemand Situationen, in denen die Dinge schiefgehen und man auf die Nase fällt. Niemand gesteht sich gerne ein, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben, an einer Aufgabe gescheitert zu sein oder gar ein ganzes Projekt in den Sand gesetzt zu haben.

 

Ein Ziel zu verfehlen ist schon im Kindesalter ärgerlich und schmerzhaft. Und doch sind solche Erfahrungen unausweichlich und oft sehr lehrreich. Fehler führen oft zu großen Entdeckungen. Aber: Damit wir durch Niederlagen wachsen können, müssen wir erst lernen, mit ihnen umzugehen. Es hilft unseren Kindern, ein anderes, ja ein neues Bewusstsein für ihre ‚Schwächen‘ zu entwickeln.

Von Fehlern lernen wir, auch wenn's weh tut. Foto: Canva.com

 

Aufrappeln, Krone richten, etwas Neues aufbauen

Wir müssen unseren Kindern auf den Weg geben, dass es sinnvoll ist, ‚Scheitern‘ einen Sinn zu geben. In der Interpretation eines negativen Ereignisses liegt der Schlüssel, um zufrieden weiterleben zu können. Das bedeutet nicht, ein Ziel abzuwerten, das unerreichbar ist. „So toll war der Pokal nicht, den ich für den ersten Platz beim Schirennen bekommen hätte“. Am besten sind Niederlagen wegzustecken, wenn es gelingt, sie mit Humor zu sehen, ihnen etwas Positives abzugewinnen oder sich auf das zu konzentrieren, was im Prozess gelungen ist. 

Scheitern mit Humor nehmen, das muss man üben. Foto: Canva.com

 

Fehler zugeben, aber seinen Selbstwert nicht ans Richtigmachen knüpfen. Das ist die Kunst und das müssen wir tagtäglich üben. Manchmal hilft dabei der Blick von außen, von einem Freund oder einem Kollegen. Und manchmal gelingt dies nur mit professioneller Hilfe. Zum Beispiel mit der Resilienzkünstlerin Michaela Obertscheider, die seit dreißig Jahren in Workshops die Nutzbarkeit einer erhöhten Frustrationstoleranz erforscht. Michaela ist Autorin, Regisseurin, Schauspielerin & Schauspielcoach, Trainerin für Präsenz, Selbststeuerung & Resilienz und leitet bei LYMA den Workshop Resilienztraining und Selbstfürsorge.

Michaela Obertscheider, Workshop-Begleiterin bei LYMA

Ich habe Michaela Obertscheider interviewt und nach ihrer Herangehensweise im Workshop gefragt. Michaela: „Wir analysieren keine spezifischen Fälle, in denen Menschen gescheitert sind. Wir arbeiten dorthin, wo es direkt, vor Ort und im Moment große Freude macht, gemeinsam etwas Spielerisches zu versuchen, z.B. ein schwieriges Koordinationsspiel, das gar nicht funktionieren kann.

 

Wir schauen uns an, was daran so wunderbar lustvoll ist, obwohl es nicht klappt. Ich versuche nicht darauf Rücksicht zu nehmen, dass wir nicht gerne scheitern, sondern provoziere Fehler so lange, bis sie ihren Schrecken verlieren. Ich motiviere dazu, mit Mut in eine Situation zu gehen, um etwas Neues zu erfahren, um weiter zu forschen.“

 

Das versucht auch Thomas Brezina in seinen Tom Turbo Büchern, fällt mir gerade ein. Ich habe meinem 5jährigen Sohn vor kurzem eines seiner Bücher vorgelesen, das Kinder dazu einlädt, Szenen-Entscheidungen zu treffen, die mit einem Farb- und Punktesystem bewertet werden. Alle Antworten, die Mut, Selbstbewusstsein und Forscherdrang bedurften, wurden mit den höchsten Punkten bewertet. Nicht mal ich (als alte Forscherseele) hätte das eine oder andere Mal den Weg durchs Höllentor gewählt; Tom Turbo rät: ‚Nur zu, den Mutigen gehört die Welt.‘ Vielleicht ist Brezina Fan von John Wayne, der sagt: „Mut ist, wenn man Todesangst hat, sich aber trotzdem in den Sattel schwingt.“

 

Michaelas Erkenntnisse sind überall dort hilfreich, wo es um Fragen zu Führungsstil, Lernatmosphäre und Arbeitskultur geht. Im Alltag und im Berufsleben muss viel Verantwortung getragen werden, da bleibt für Phantasie und Kreativität wenig Möglichkeit.

 

Scheitern bringt Innovationen hervor

Obertscheider erzählt in ihrem Workshop auch von Fehlern, um die wir im Alltag sehr froh sind. Post-its wurden durch puren Zufall erfunden. 1968 scheiterte ein Chemiker von 3M bei der Suche nach einem neuen Superkleber. Sein Forschungsergebnis klebte zwar, ließ sich aber auch leicht wieder ablösen. Sechs Jahre später ärgerte sich sein Kollege Art Fry darüber, dass beim Singen im Kirchenchor ständig Lesezeichen aus den Noten herausfielen. Er erinnerte sich an den fehlerhaften Kleber, bestrich kleine Zettelchen damit und erfand so en passant die berühmten Klebezettel. Das Beispiel zeigt: Ideen für innovative neue Produkte entstehen oft nicht im Labor, sondern nebenbei, in der Freizeit oder durch Fehler.

 

Obertscheider schmunzelt und sagt: „Ich freue mich, wenn Schüler, Pädagogen, Führungskräfte, aber auch engagierte AlleinerzieherInnen in Karenz in meine Workshops kommen und erst einmal feststellen, wie sehr sie sich anstrengen, Fehler im Alltag zu vermeiden. Da bieten meine Übungen und meine Moderation Entspannung. Wir trainieren Scheitern im sicheren Raum.“

https://www.lyma.at/workshops/resilienztraining-und-selbstfuersorge/

Michaela Obertscheider: http://www.michaelaobertscheider.at/

 

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LYMA GmbH ist eine 100% Tochtergesellschaft der gemeinnützigen Willendorff Youth Foundation Privatstiftung. LYMA wurde initiiert von Kai-Christian Brockstedt und Maria Polynceva-Brockstedt. Das LYMA Studio im Herzen Mariahilfs ist ein Freiraum, um Ideen zu verwirklichen. Im Mittelpunkt steht die Potentialentfaltung und das Erleben eines gemeinsamen Weges, um Eigeninitiative, Selbstwertgefühl, Sozialkompetenz und kreative Ausdrucksfähigkeit weiterzuentwickeln. Die LYMA Kurs-Begleiter sind Unterstützer in einem persönlichen Entwicklungsprozess und sorgen behutsam für Struktur, neue Impulse und Denkanstöße.