Zirkus macht Schule




Seiltanzen, jonglieren, Einrad fahren: Zirkuspädagogen bringen Kindern spielerisch Motorik bei. Wie im echten Zirkus stehen auch in der Zirkuspädagogik die typischen Disziplinen auf dem Programm. Dazu gehören Akrobatik, Artistik, darstellende Kunst, Clownerie und Inszenierung.

Was macht Zirkuspädagogik so wertvoll?

Die Übungen dienen auch dem Erhalt und der Verbesserung der motorischen Leistung. Die Pädagogen arbeiten oft nicht nur mit Kindern und Teenagern zusammen, es gibt auch Angebote für Erwachsene, Behinderte und Senioren. Zirkuspädagogen sind immer auch Sozialpädagogen.

Zirkuspädagogik ist eine Mischung aus Pädagogik, Kunst und Therapie. Zirkusprojekte fördern motorische Fähigkeiten und soziale Kompetenzen. Darum werden Zirkusprojekte auch in der Sozialarbeit mit Kindern aus sozial schwierigen Verhältnissen eingesetzt. Zirkus ist schließlich mehr als Sport. Es geht auch darum, in andere Rollen zu schlüpfen, Grenzen zu überwinden, miteinander in Kontakt zu treten.

 

Wir fragen bei Expertin Petra Ganglbauer, Kursbegleiterin von Zirkus und Zaubern nach:

Was lernen Kinder und Jugendliche in der Zirkuswerkstatt? Welche Fähigkeiten werden gestärkt und gefördert?

Das Zirkustraining soll zu einer Stärkung des Selbstvertrauens beitragen, die Einschätzung der eigenen Ressourcen „Wie viel Kraft hab ich (noch)? Was traue ich mir zu?“ stärken und die Fähigkeit eigene Grenzen zu artikulieren (Stopp sagen lernen).

Es soll die Kinder und Jugendlichen auch dazu ermutigen, sich über die eigene Komfortzone hinaus zu trauen und etwas Neues auszuprobieren. Außerdem wird die Fein- und Grobmotorik durch Jonglage und Akrobatik gefördert. Bei vielen Disziplinen ist viel Geschick und Konzentration gefragt (z.B. auf einem Schlappseil balancieren). 

Die Clownerie bringt eine ganz eigene Einstellung zum Leben mit sich. Ja sagen zu Allem, was das Leben bringt und spielerisch darauf zu reagieren sind Vorzüge eines Clowns/einer Clownin. Sich von Niederlagen nicht unterkriegen lassen ist eine gute Übung für das tägliche Leben. Jeder von uns kennt das, wenn etwas nicht so funktioniert, wie man sich das vorstellt, kann der Ärger und die Frustration übermächtig erscheinen und alles zu vereinnahmen. Aber genau darum geht es auch im Zirkus, zu lernen, wie man mit schwierigeren Situationen umgehen kann.

Scheitern können ist besonderes in einer Zeit mit hohem Leistungsdruck wichtig. Scheitern können ohne dadurch einer negativen Bewertung von außen ausgesetzt zu werden, ist eine essentielle Erfahrung für Kinder und Jugendliche um wieder die Leichtigkeit im Tun zu entdecken.

Die Freude am Spiel innerhalb der Zirkusdisziplinen soll im Zentrum stehen. Denn wer Spaß hat, lernt viel leichter. Häufig höre ich von Kindern – vor allem, wenn ich ihnen etwas Neues zeige (z.B.: Jonglieren mit 3 Bällen, Kopfstand, Rolle vorwärts etc.) meistens noch bevor sie es ausprobiert haben: "Das kann ich nicht!" Meine Antwort darauf lautet meistens: "Darum bist du ja da, damit du etwas Neues lernst. Und du machst es so gut, wie du es kannst und dich sicher fühlst. Probiere es mal aus. Ich bin da um dich dabei zu unterstützen." Ich will ihnen dadurch den Druck nehmen und ihre Freude am Ausprobieren anstacheln. Dann habe ich quasi schon gewonnen, wenn sie sich darauf einlassen und Freude daran haben. 

Wie sieht es mit der Förderung der Kreativität aus?

Kreativität ist im Zirkus ein wesentlicher Aspekt. Bloße Tricks ohne Witz und Charme oder Geschichte, sind weit weniger unterhaltsam anzusehen als mit einer kreativer Inszenierung. Darum ist eine kreative Umsetzung der gelernten Fertigkeiten ein großer Teil des Trainings. 

Zirkus ist eine Spielwiese für die unterschiedlichsten Interessen und Bedürfnisse der Kinder. Künstlerische Freigeister sowie auch Sportskanonen finden hier ein attraktives Angebot. Zirkusmaterialien haben einen hohen Aufforderungscharakter und wirken auf den natürlichen Spieltrieb des Kindes animierend. Zirkusmaterialien sind also auch attraktive Bauelemente. Kinder, die gerade keine Lust haben einen bestimmten Trick (wie z.B. Werfen + Fangen mit dem Diabolo, Tiktok mit Flower Sticks, Schmetterling mit den Pois etc.) zu üben, verwenden die bunten Wurf- und Balancierdinge gerne um Bilder zu legen  oder auch ein fantastisches Bauwerk in die Welt zu setzen. Daraus entwickeln sich wiederum neue Spiele. 

Zirkusmaterialien - Foto: Petra Ganglbauer 

Könntest Du bitte Erfahrungen nennen, wie die Kinder von Deinem Kurs Zirkus und Zaubern bei LYMA profitieren? Vielleicht kannst Du auch einige nette Anekdoten erwähnen.

Ein weiterer großer Schritt für die Kinder und Jugendlichen ist es das Gelernte vor einem Publikum zu zeigen. Umso älter die Kinder werden umso höher werden die eigenen Ansprüche, die sie an sich selber stellen, wie gut es sein sollte, was sie zeigen oder sie haben Angst davor sich zu blamieren. Das ist eine spannende Situation, wo man sich viel mitnehmen kann. Da ist es dann als Trainerin wichtig, die Kinder in ihrer Nervosität aufzufangen und emotional zu bestärken und zu begleiten.

Kinder trainieren ihre motorischen Fähigkeiten, Körperspannung, uvm - das stärkt das Selbstbewusstsein - Foto: Petra Ganglbauer

Wenn ein Kind z.B. doch nicht auftreten möchte, ist das auch kein Problem und ich bemühe mich eine andere Funktion in der Aufführung für das Kind zu finden. Zum Beispiel als Bühnen- oder Soundtechniker, ConfettistreuerIn, SeifenblasenkünstlerIn.

Einmal hatte ich zwei Buben in meinem Training, die wollten kein Stück für die Abschlussaufführung entwickeln. Sie meinten, sie wollten gar nicht bei der Aufführung dabei sein. Da ich die beiden immer wieder beobachten konnte, wie gerne sie verschiedenste Unterschlüpfe mit den Turnmatten und Vorhängen bauten, schlug ich ihnen vor, dass sie doch für den Bühnenaufbau verantwortlich sein könnten. Sie könnten sich eine spannende Bühne überlegen und diese mal aufzeichnen.

Mein Vorschlag gefiel ihnen und 10 Minuten später hatte ich bereits einen Bühnenplan in meinen Händen. Die ArtistInnen kamen über die verschiedensten Höhlen und Tunnels auf die Bühne gekrabbelt. Für manche ArtistInnen mit ausgefalleneren Kostümen war das schwieriger auszuführen als für andere Kinder. Aber die zwei Bühnenarchitekten hatten ihre helle Freude mit der Aufführung und konnten aktiv an der Zirkusaufführung beitragen. Mir ist es ein Anliegen, dass die Kinder Jugendlichen in der Zirkuswerkstatt ihre Talente und Interessen weiterentwickeln können.

 

Zirkusakrobatik und -pädagogik im Schulalltag – warum hilft Zirkuspädagogik im Schulalltag?

Zirkuspädagogik im Schulalltag ist eine wertvolle Ergänzung zum restlichen Fächerkanon. Vor allem wird damit dem Bewegungsdrang der Kinder entsprochen. Sie bekommen Raum für ihren persönlichen Ausdruck und können sich mit anderen Kindern austauschen. Durch ein vielfältiges Angebot werden die verschiedensten Spieltypen angesprochen.

Lernen, auf der Balancierkugel zu gehen - Foto: Petra Ganglbauer

Generell steht beim Zirkustraining die Freude an der Bewegung im Vordergrund, aber auch Disziplin und Konzentration sind notwendige Qualitäten um im Lernprozess weiter zu kommen. Wer eine schwierige akrobatische Aufgabe lösen möchte oder gerade lernt auf der Balancierkugel zu gehen, muss sich ganz auf sich und die Übung konzentrieren. Die Vertiefung in eine Übung führt im Weiteren zu mehr Ausgeglichenheit und Ruhe. Diese Kompetenzen kann man auch auf andere Bereiche im Schulalltag übertragen.

Trapezkunst - Foto: Petra Ganglbauer

Beim Menschenpyramidenbauen und in der Partnerakrobatik ist vor allem Teamgeist, ein verantwortungsvoller Umgang und gegenseitiges Vertrauen gefragt. Das kann zu einer Verbesserung der Klassengemeinschaft führen, soziale Kontakte stärken und Berührungsängste abbauen. 

Außerdem wird die Hand-Augen-Koordination, sowie die Verbindung von rechter und linker Gehirnhälfte beim Jonglieren trainiert, was sich auf andere Schulfächer sehr positiv auswirken kann (Mathematik, Musik, …)

 

LYMA – Kurs ZIRKUS und ZAUBERN:

https://www.lyma.at/kinder/bewegung-koerperbewusstsein/zirkus-und-zaubern/

 

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LYMA GmbH ist eine 100% Tochtergesellschaft der gemeinnützigen Willendorff Youth Foundation Privatstiftung. LYMA wurde initiiert von Kai-Christian Brockstedt und Maria Polynceva-Brockstedt. Das LYMA Studio im Herzen Mariahilfs ist ein Freiraum, um Ideen zu verwirklichen. Im Mittelpunkt steht die Potentialentfaltung und das Erleben eines gemeinsamen Weges, um Eigeninitiative, Selbstwertgefühl, Sozialkompetenz und kreative Ausdrucksfähigkeit weiterzuentwickeln. Die LYMA Kurs-Begleiter sind Unterstützer in einem persönlichen Entwicklungsprozess und sorgen behutsam für Struktur, neue Impulse und Denkanstöße. 

Einrad